Zum vierten Mal in Folge nahm ich an der ConSozial in Nürnberg teil – diesmal in einer mehrdimensionalen Rolle: als Pressevertreter für den makeITsocial Infodienst, als Sozialarbeiter mit Schwerpunkt Digitalisierung, als Datenschutzaktivist und als Aussteller mit unserem Kollektiv makeITsocial, das zugleich Teil des Netzwerks der Tech Coops ist – einem Zusammenschluss von IT-Kollektiven in Deutschland.
In diesem Beitrag schreibe ich zunächst aus der Perspektive des Pressevertreters, Sozialarbeiters und Datenschutzaktivists.
Rückblick: Von Pandemie, Homeoffice und Aufbruchsstimmung
Meine erste ConSozial erlebte ich 2021 unter dem Motto „Den Menschen im Blick – mehr denn je“, mitten in der Corona-Pandemie. „Homeoffice“ war längst im Sprachgebrauch angekommen, und die Messe stand ganz im Zeichen der digitalen Transformation. Es ging um die Frage, wie dezentrale Zusammenarbeit gelingen, Angebote digitaler werden und zugleich Datenschutz gewährleistet bleiben kann. Während die Messe selbst damals noch recht analog wirkte, war die Konferenz mit Vorträgen über diese Themen gespickt.
Wenn Digitalisierung zum Produkt wird
Ein Jahr später änderte sich das Bild. Neben den großen Softwarefirmen, die die Sozialwirtschaft schon länger als Zielgruppe entdeckt hatten, traten zunehmend Systemhäuser auf, deren Antwort auf jede Herausforderung in irgendeiner Form Microsoft 365 hieß.Das Interesse lag offenbar weniger darin die eigentlichen Bedarfe zu verstehen, sondern vielmehr darin, einen neuen Markt zu erschließen.Ich stellte fest, dass sich meine Vorstellung von „Digitalisierung in der Sozialen Arbeit“ nicht mit der vieler IT-Dienstleister:innen oder Entscheider:innen deckt.
Soziale Arbeit braucht keine Kennzahlen
Ich kam frisch aus dem Studium, hatte mich mit Theorien von Thiersch, Staub-Bernasconi und anderen befasst und gelernt, dass Soziale Arbeit eine Haltungsfrage ist, welche durch ihre menschenrechtliche Grundhaltung mandatiert ist.
Ich habe Schwierigkeiten damit, Soziale Arbeit wirtschaftlich zu denken, fremdle mit dem Begriff „Sozialwirtschaft“ und bin überzeugt, dass Schlagworte wie Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung, Kostensenkung oder datengetriebene Entscheidungen keine geeigneten Leitplanken für menschenzentrierte Arbeit sind.
Verantwortung beginnt vor der DSGVO
Vor diesem Hintergrund spiegeln meine Eindrücke von der ConSozial 2025 im Grunde die Entwicklung wider, die ich in den vergangenen Jahren bereits geahnt habe: eine zunehmende Ökonomisierung der Sozialen Arbeit und eine technologische Euphorie, die selten inhaltlich reflektiert wird.
- Fast alles enthält inzwischen irgendeine Form von KI – doch selbst bei vielen „Expert:innen“ fehlt ein tiefgehendes technisches Verständnis.
- Verantwortung im Umgang mit Daten endet meist bei der formalen Einhaltung der DSGVO und vertraglichen Zusicherungen profitorientierter (oft amerikanischer) Anbieter.
- Digitale Souveränität, Kooperation und Code-Transparenz gelten als „mutig“, aber nicht als vertrauensbildend oder zukunftsfähig.
- Viele fühlen sich bei Entscheidungen „gebunden“: Aus Angst, Fördermittel zu gefährden, werden wirtschaftliche Kennzahlen häufig über Qualität, Haltung und ethische Verantwortung gestellt.
Diese Entwicklung überrascht mich nicht. Irritiert hat mich jedoch erneut, wie häufig ich mit der gegenteiligen Position allein bleibe. Mein beruflicher Fokus liegt weniger in der direkten Arbeit mit Adressat:innen, sondern darin, die digitale Transformation einer menschenzentrierten Profession mitzugestalten. Das heißt für mich: Entwicklungen kritisch betrachten, hinterfragen und durch Aufklärung informierte Entscheidungen ermöglichen. Regelmäßig überrascht mich, mit welchen Personen ich mich in Diskussionen darüber wiederfinde, weshalb die Arbeit mit vulnerablen Gruppen ein höheres Maß an IT-Sicherheit und Datenschutz erfordert, als es die DSGVO als Mindeststandard vorgibt.
Verstehen Sie mich nicht falsch, die DSGVO ist wichtig, und es ist gut, dass wir sie zunehmend souveräner umsetzen. Aber sich darauf zu berufen, die Datenschutz-GRUNDverordnung einzuhalten, ist in etwa so, als würde man beim Thema faire Entlohnung auf den Mindestlohn verweisen.
Ich verstehe, dass es ein gewisses Abstraktionsvermögen braucht, um den Zusammenhang zwischen dem Tripelmandat und der besonderen Verantwortung von Sozialarbeitenden in einer digitalisierten Welt zu erfassen. Dafür braucht es kein tiefes Wissen über Metadaten oder Geschäftsmodelle – oft genügt es auf sein Bauchgefühl zu hören und eine kurze Internetrecherche hilft schon Widersprüche zu erkennen.
Entscheidend ist, daraus nicht nur Alternativangebote einzuholen, sondern die eigenen und professionellen Werte als weiche, aber tragfähige Entscheidungsgrundlage zu definieren.
Die Perspektive des IT-Dienstleister
In meiner Rolle als Aussteller und Aktivisti, der auf digitale Souveränität, Datenschutz und Open Source setzt, habe ich aber auch erlebt, dass wir als Dienstleister, Informationsplattform und in der Art, wie wir in unserer Kollektiv-Vernetzung (https://tech-coops.de/) für viele Fachkräfte und Entscheider:innen wie ein „Leuchtturm“ in einer dunklen und unübersichtlichen digitalen Gegenwart wirken. Die vielen bestärkenden Worte und Gespräche auf Augenhöhe motivieren uns auch in den kommenden Jahren einen Gegenpol in der Sozialwirtschaft zu bilden und solidarisch, kooperativ mit kritischer Haltung für mehr digitaler Souveränität und Verantwortung einzutreten.
Wir wünschen Ihnen ein schönes und erholsames Jahresende 🙂